Interview mit Roland Gareis: “Projektmanagement überstrapaziert”
Von Patrick Fritz, am 24. Juni 2008
Quelle: wienweb.at
Roland Gareis, Projektmanagement-Professor an der WU Wien und Leiter von Roland Gareis Consulting, sprach mit wienweb.at über “den Trend zum Projekt”. Hier das ungekürzte Interview:
wienweb.at: Immer mehr, was früher Alltagsgeschäft in der Linie war, wird heute in Form von Projekten abgewickelt. Steht dahinter wirklich ein anderer Ansatz oder klebt nur ein
neues Mascherl drauf?
Gareis: Alltagsgeschäft wird noch immer in der Linie abgewickelt; hoffentlich auf der Basis von professionellem Prozessmanagement. Als Projekte werden umfangreichere Prozesse
abgewickelt, die in der Linie nicht in so guter Qualität, nicht so billig und nicht so schnell durchgeführt werden könnten.
wienweb.at: Was wäre das beispielsweise?
Gareis: Zum Beispiel die Akquisition eines neuen Unternehmens, die Reorganisation eines Bereichs oder die Entwicklung und Einführung eines neuen Produkts. Nur für diese relativ einmaligen, sozial komplexen Projekte sollte Projektmanagement eingesetzt werden. Ich warne vor einer Inflation von Projekten. Der Begriff wird überstrapaziert, auch für Prozesse, die keiner Projektorganisation bedürfen. Das hat weniger mit Mode als mit mangelnder Kompetenz zu tun.
wienweb.at: Was können Projektmanager heute, was Team- oder Abteilungsleiter gestern nicht konnten?
Gareis: Ein Team- oder Abteilungsleiter managt immer die gleiche Abteilung mit den immer gleichen Aufgaben. Ein Projektmanager managt ein Projekt mit jeweils spezifischen Zielen, mit Projektteam-Mitgliedern und Projektmitarbeitern unterschiedlicher Organisationen, mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und unterschiedlichen Interessen. Die Dynamik und Komplexität ist daher wesentlich größer als in der Linie.
Irgendwie stoße ich mich an der Aussage “Als Projekte werden umfangreichere Prozesse abgewickelt, die in der Linie nicht in so guter Qualität, nicht so billig und nicht so schnell durchgeführt werden könnten.” Wenn es schon (große) Prozesse sind, sprich wiederkehrende Abläufe, wozu benötige ich dann noch ein Projekt? Projekte als temporäre Organisationform sind aus meiner Sicht nur bei einem einmaligen Ablauf sinnvoll. Was meint ihr dazu?
6 Kommentare zu “Interview mit Roland Gareis: “Projektmanagement überstrapaziert””
Ich kann der Feststellung im Interview nur zustimmen. Tatsächlich wird heute ständig von Projekten gesprochen, selbst wenn es sich um ein ganz normales Vorgehen handelt, das jedes Jahr wiederholt wird.
Ich vermute dahinter steckt die Idee, dass man das Risiko durch Projektmanagement in Griff bekommen kann. Wahrscheinlich ist vielen Leuten auch einfach nicht der Unterschied zwischen Projekt und Prozess bewusst.
“Wahrscheinlich ist vielen Leuten auch einfach nicht der Unterschied zwischen Projekt und Prozess bewusst”, da kann ich einfach nur zustimmen.
Zudem führt sogenannte “Projektitis” ganz sicher nicht zu besseren Projekten. Ganz im Gegenteil, somit geht die besondere Bedeutung von einzigartigen Aufgaben verloren.
Mir gehen bei dieser Diskussion insbesondere zwei Gedanken durch den Kopf:
1) Einerseits finde ich es wichtig, dass mit dem Begriff Projekt sorgsam umgegangen wird – sprich dass er nur für projektwürdige Aufgabenstellungen verwendet wird. Selbes gilt natürlich aber auch für den Prozessbegriff.
2) Andererseits lassen sich Projekte und Prozesse in der Praxis immer schwerer voneinander abgrenzen. Denn auch die Projektmanager sprechen von PM Prozessen, Projektprozessen, prozessorientiertem Projektmanagement etc. etc. Umgekehrt gehört es in vielen Unternehmen zum täglichen Sprachgebrauch, vermeintliche Prozesse als Projekte zu bezeichnen. Paradebeispiel: Kundenprojekte, die in vielen Fällen ganz normale Aufträge sind, die einen Geschäftsprozess wie den “Auftragsabwicklungsprozess” durchlaufen.
Häufig ist eine klare Trennung in der Praxis aber einfach nicht möglich. Denn Innovationsprojekte laufen durch den Innovationsprozess, und Kundenprojekte durch einen Auftragsabwicklungsprozess. Es ist also ganz natürlich und normal, dass Projekte auch einen wiederkehrenden Prozesscharakter haben. Mehr noch: Es ist sogar sinnvoll, Projektprozesse für wiederkehrende Projekte zu definieren. Denn das ist ja ein wesentlicher Aspekt dessen, was gemeinhin als “prozessorientiertes Projektmanagement” bezeichnet wird.
Mein persönliches Fazit in der ganzen Diskussion: Wenn sich häufig schon nicht mal die vermeintlichen Experten einig sind, wann genau die einzelnen Begriffe angewendet werden dürfen oder sollen, wie kann man dann den Praktikern vorwerfen, dass sie mit Begriffen vermeintlich wahllos um sich schlagen? Ich sehe den Ausweg darin, dass wir bei uns selbst anfangen und öfter mal nachfragen, was denn unser Gegenüber genau unter dem jeweiligen Begriff versteht (bzw. unser Begriffsverständnis aktiv offen legen).
Noch ein letzter Gedanke: Meistens sind derartige Diskussionen etwas müßig, da es sich in der Regel um ein “semantisches Problem” handelt. Denn man wird beispielsweise Autoren und Experten finden, die einen “Prozess” ausschließlich als wiederkehrenden Ablauf von Schritten definieren, für andere wiederum sind aber auch einmalige Prozesse zulässig.
Umgekehrt beharren die einen darauf, dass Projekte IMMER einen neuartigen Charakter haben. Andere können mit dem Begriff Routineprojekte aber durchaus etwas anfangen.
Es gibt halt bei solchen Themen (wie generell im Leben) keine Wahrheiten, kein eindeutiges schwarz oder weiß. Es lebe die differenzierte Betrachtungsweise und die Farbe grau
@ Stefan
Ich stimme dir zu, solche Diskussionen sind SEHR müßig. Warum sind sie aber WICHTIG?
Wer die Begriffe (zumindest für sich selbst) nicht sauber definiert, vermischt diese auch in der Praxis. Dies führt wiederum dazu, dass beispielsweise Entwicklungs- oder Innovationsprozesse definiert werden, die das gesamte Projektmanagement erschlagen wollen/sollen.
Was sich vermeintlich gut anhört, ist aber in der Praxis aufgrund zutiefst menschlicher Verhaltensweisen problematisch. Wenn Methoden/Tools/Berichte lediglich angewendet werden, um beim nächste Gate “durchzukommen”, erhält die Sache an sich nicht mehr die gewünschte Aufmerksamkeit.











Martin
Am 24. Juni 2008 um 11:26 Uhr
Lieber Patrick,
ich darf dir an dieser Stelle widersprechen: Ein Prozess kann auch ein einmaliger Ablauf sein und Projekte sind auch für wiederkehrende Aufgaben – wenn diese gewisse Anforderungen erfüllen – eine sinnvolle Organisationsform.
Grüsse
Martin