Die Plattform für Projekt- und Prozessmanagement. Gemeinsam erfahren, lernen und entwickeln.

« »

Was heißt den hier bitte “systemisch”

Von Patrick Fritz, am 16. Juli 2008

 

Quelle: flickr.com

Geht es euch genau wie mir? Systemisch dies, systemisch das… ich kann’s langsam nicht mehr hören. Denn wenn man genauer nachliest oder nachfragt kommt dabei einfach nichts raus. Das hat was mit System zu tun: Systemisches Projektmanagement, Prozessmanagement, Coaching, Therapie, Organisationsentwicklung, Personalentwicklung, und so weiter und so fort.

In der Sommerpause habe ich mir das neue Werk von Walter Häfele (Hrsg.) vom Management Center Vorarlberg zu Gemüte geführt: “OE-Prozesse initiieren und gestalten: Ein Handbuch für Führungskräfte, Berater/innen und Projektleiter/innen Was heißt den hier bitte systemisch“. Darin habe ich wirklich zum ersten Mal anhand von klar verständlichen Beispielen gelesen worin sich nun systemische Organisationsentwicklung von anderen Veränderungsstrategien unterscheidet. Ich denke diese Beispiele können auch auf systemisches “handeln” an sich angewendet werden, man muss sie lediglich in einen anderen Kontext stellen.

1. Vernetzte Betrachtungsweise
Beispiel: Nach dem viel Zeit und Geld in die Entwicklung von Führungskräften gesteckt wurde entsteht Unmut gerade bei denjenigen Führungskräften, in deren Weiterbildung viel investiert wurde, da Gehalts- und Karrieremöglichkeiten nicht mehr zu erworbenen Qualifikationen und Führungswissen passen.

2. Ansprechen “heikler” Themen
Beispiel: Diskussion und Bearbeitung des unterschiedlichen Einflusses und Einsatzes von Mitgliedern eines Führungsteams oder eine seit langem hinausgeschobene Neubesetzung einer offenen Stelle.

3. Wertschätzung, Respekt und Nutzen vorhandener Fähigkeiten und Erfahrungen
Beispiel: Es genügt nicht das sogenannte Experten wissen was zu tun ist, die Beiträge jener Menschen, die die Organisation zu dem machen was sie ist, werden aktiv eingefordert und nicht als Störfaktor behandelt.

Ich bin überzeugt das viele “systemische” Angebote die am Markt sind die oben genannten Prinzipien nicht berücksichtigen. Ganztages Powerpoint Weiterbildungen passen einfach nicht in dieses Bild, moderne Lehr- und Lernformen sind angesagt!

Weiter Ressourcen zum Thema:

9 Kommentare zu “Was heißt den hier bitte “systemisch””

Andreas Reisenbauer

Hallo Patrick, du liegst ganz richtig, es gibt eine Unmenge an vermeintlich “systemischen” Angeboten am Markt, die es aber bei genaueren Betrachten nicht sind. Wie erkennt nun der Laie, ob es sich tatsächlich um einen systemischen Prozess handelt? Sobald ein Sachverhalt, ein Problem oder ein Anliegen schwarz-weiß dargestellt wird bzw. durch vorschnelle Antworten einzementierte Positionen geschaffen werden, kann man sich sicher sein, dass es sich dabei um keine systemische Vorgangsweise handelt. Und wie man einen systemischen Berater, Trainer oder Coach erkennt? Er/Sie stellt sehr viele Fragen und gibt eher weniger Antworten bzw. führt seine Gesprächspartner zur Problemlösung, ohne eine Richtung vorzugeben. Und: Frontalvorträge haben bei systemischen Weiterbildungen sicher nichts verloren.

Peter Addor

Leider hast Du recht, Patrick, wenige können mit dem Begriff „systemisch“ etwas anfangen. Je komplexer aber die Welt wird, desto mehr sind systemische Lösungen erforderlich. A propos: noch häufiger als der Begriff „systemisch“ verwenden viele den Begriff „komplex“. Frage einmal jemanden, was er genau meint, wenn er sagt: „Das ist ein sehr komplexes Projekt“ oder „die Welt wird immer komplexer“. Ich wette, niemand kann genau sagen, was „komplex“ bedeutet. Komplexität und systemisches Denken haben aber etwas miteinander zu tun. Komplexe Probleme erfordern systemische Lösungen. Vielen Dank, dass Du den Begriff „systemisch“ etwas erläutert hast. Darf ich noch ergänzen?

4. Sichtbarmachen von Feedbackschleifen: In Deinem Beispiel wird in die Entwicklung von Führungskräften investiert, um deren Qualifikation zu erhöhen. Je niedriger die Qualifikation, desto mehr wird in Entwicklung investiert und desto höher ist wiederum die resultierende Qualifikation. Qualifikation und Investition beeinflussen sich gegenseitig.

5. Denken in Modellen: Im obigen Beispiel gibt es nach Dir eine weitere Feedbackschlaufe: Je mehr investiert wird, desto mehr nimmt die Zufriedenheit mit den Karriere- und Gehaltsmöglichkeiten ab, desto mehr wandern die (ausgebildeten) Führungskräfte ab, desto tiefer sinkt die Qualifikationen, weil man die Abwanderungen durch zunächst unausgebildete Führungskräfte ersetzen muss.
Die äussere Feedbackschlaufe wirkt der inneren entgegen. Man erkennt die paradoxe Situation, dass je mehr in die Entwicklung von Führungskräften investiert wird, desto tiefer sinkt die Qualifikation! Dieses Modell hat den Namen „Fixes that Fail“

Auch in komplexen Projekten treffen wir das Modell „Fixes that Fail“ immer wieder an.

Ich suche schon lange nach einem verträglicheren Begriff anstelle von „systemisch“. Hat jemand Vorschläge?

Stefan

@Peter: Alternative Begriffe für systemisch?

Da fallen mir spontan nur ein:

- ganzheitlich
- vernetzt

Die sind aber wohl auch nicht besser. Vielmehr Kandidaten für das “Unwort des Jahres” :-)

Patrick Fritz

@ Andreas Reisenbauer

Ich könnte mir vorstellen, deine Aussage als praxistaugliche Daumenregel zu definieren:

“Der systemsiche Berater stellt sehr viele Fragen und gibt eher weniger Antworten bzw. führt seine Gesprächspartner zur Problemlösung, ohne eine Richtung vorzugeben.”

…gefällt mir sehr gut!

Patrick Fritz

@ Peter Addor

Vielen Dank für die Ergänzungen!

Ich glaube es macht keinen Sinn ein neues Wort einzuführen. Vergleichbar versuchen sich “klassische” OE-Berater laut Walter Häfele, durch Bezeichnungnen wie “Unternehmensentwicklung”, “Unternehmenstransformation”, oder “Organisationsberatung” abzugrenzen.

Der Name macht meiner Meinung nach keinen Unterschied, sonder das handeln. Das funktioniert jedoch erst wenn man den Auftrag in der Tasche hat ;-)

Bernhard

Hallo zusammen,

ich denke systemisches Projektmanagement, mein einfach nur, dass das Projekt nicht nur für sich (also Abarbeiten von PSP etc) gesehen wird, sondern als soziales System mit entsprechenden Grenzen zur Umwelt, aber auch ganz speziellen Beziehungen. Dies ins Projektmanagement von Start des Projekts mit einzuplanen bzw. als eigene Projektmanagementmethode zu nutzen, ist also das neue am systemischen Projektmanagement (dazu gehört soetwas wie z.B. die Projekt-Umwelt-Analyse, die Projekt-andere Projekte-Analyse). Übrigens etwas was gerade Roland Gareis besonders beachtet.

Grüße
Bernhard

Patrick Fritz

@Bernhard,

Wenn das der ganze “Schmäh” ist, dann hat es aus meiner Sicht nicht viel auf sich :-(

Simon

Hallo Patrick,
kannst du das Buch von Walter Häfele empfehlen? Bin beruflich mit Veränderungsprozessen konfrontiert und suche geeignete Literatur darüber.

Vielen Dank für die Info!

Beste Grüße,
Simon

Patrick Fritz

Hallo Simon,

Wenn du dich mit Veränderungsprozessen beschäftigst, kann ich dir das Buch uneingeschränkt empfehlenen. Beim Lesen hatte ich zahllose AHA-Erlebnisse!

Gruß
Patrick

Schreiben Sie einen Kommentar: