Wie war die Sache mit Theorie und Praxis nochmal?
Von Patrick Fritz, am 2. Februar 2009
Quelle: pixelio.de
Letzten Freitag war ich im Rahmen meiner Dissertation (zum letzten Mal
auf Seminar in Innsbruck. Bei der Besprechung von Projekten aus der Teilnehmerrunde ist eine Diskussion über das Verhältnis von Theorie und Praxis hoch gekocht. Dabei machte der Seminarleiter ungefähr folgende Aussage:
Eine Theorie ist nichts weiter als eine Aussage über die Zusammenhänge zwischen verschiedenen Gedankengebäuden. Der Theoretiker macht sich also Gedanken über die Zusammenhänge die im Hintergrund (der täglichen Praxis) ablaufen. Während dies der Praktiker nicht tut, solange alles funktioniert!
Grundsätzlich kann ich mit dieser Aussage sehr viel anfangen… die Auswirkungen sind jedoch vielfältig und die eine oder andere Überlegung wert:
- Die Weitergabe von Wissen ist letztlich das Kerngeschäft von Hochschulen wie der FH Vorarlberg. Doch woher soll dieses Wissen eigentlich kommen? In den Arbeitskreisen die ich durchführe arbeite ich mit Unternehmen Fallstudien auf, sprich Probleme aus der Praxis. Anschließend werden in gemeinsamer Runde Lösungen erarbeitet, d.h. es entsteht Wissen aus der Praxis. In diesem Fall “produziert” die Hochschule selbst kein Wissen, sondern ist für den Wissenstransfer an die Stakeholder zuständig.
- Nach Kurt Lewin ist nichts so praktisch wie eine gute Theorie. Viele kennen den Spruch oder haben ihn zumindest schon einmal gehört, ob er jedoch wirklich immer durchdacht wurde wage ich zu bezweifeln. Für mich steckt nämlich die Überlegung dahinter, das jeder Mensch nach einer Theorie bzw. einer Annahme über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge handelt (auch der Praktiker). Der Unterschied liegt lediglich im mehr oder weniger bewussten handeln nach Theorien.
- Der Grund warum gerade im Bereich Projektmanagement sehr viel Müll publiziert wird, insbesondere Studien über Erfolgsfaktoren, liegt wohl in einer gewissen Faulheit sich über die Zusammenhänge im Hintergrund schlau zu machen. Positiv betrachtet könnte ich auch anführen, dass man es im Projektmanagement sehr schnell mit interdisziplinären Herausforderungen zu tun hat die nur mit sehr viel Aufwand sinnvoll bearbeitbar sind.
- Praktische Lösungen, gerade die suchen wir ja im Projektmanagement, sind Theorien (Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge) die sich gut bewährt haben und keinen allzu großen Aufwand in der Umsetzung verursachen. Der einzige Unterschied zur theoretischen Lösung zeigt sich also im damit verbundenen Aufwand für die Umsetzung. In der Praxis reichen eben manchmal 80%, wahrend in der Wissenschaft eine solche Theorie schlicht und einfach falsch ist.
2 Kommentare zu “Wie war die Sache mit Theorie und Praxis nochmal?”
@Gerald: Danke für deinen Kommentar!
Ich glaube es ist eine Frage der Darstellung bzw. Kommunikation. Ein PSP muss absolut nicht “theoretisch” rüber kommen, wenn man im gleichen Atemzug den “praktischen” Nutzen erläutert.
…da seht ihr welche Aufgaben im Laufe des Projektes zu erledigen sind … davon ausgehend werden Zeit, Kosten, Risiken usw. geschätzt!











Gerald Lembke
Am 3. Februar 2009 um 19:02 Uhr
Hallo,
ja, das ist so das Kreuz mit der Theorie. Letzten erzählte mir jemand eine Geschichte aus seinem Forschungsbereich und nannte den Begriff “Angewandte Theorie”. Da haben sich mir die Nackenhaare gesträubt.
Aber mal ehrlich: In Projektmanagement-Trainings für Unternehmen wird selbst das Anfertigen eines Projektstrukturplans als “Theorie” deklariert.
Eigenlich müßig darüber zu diskutieren *gähn* Aber diese Frage muss erkaubt sein: Was erwarten denn nun die Praktiker wirklich von der sg. “Theoretikern”?
Es sollten viel weniger die Wissenschaftler in Rechtfertigungspositionen gebracht werden als viel mehr die Praktiker befragt werden, welche Erwartungen Sie denn eigentlich haben?
Ich habe eine These, die darin begründet ist, dass sich Wissenschaftler eben von der Praxis abschotten: Praxis ist zu trivial.
Gruß, Prof. Dr. Gerald Lembke